Gewerkschafts-Kolumne in der P.S. vom 26. August 2011
Man sagt, Kinder seien unsere Zukunft. Aber zuerst haben sie jetzt eine Gegenwart!
Bis vor wenigen Jahrzehnten war es für den Staat einfach und billig: Kinder von armen Eltern und unverheirateten Frauen wurden an fremde Familien abgegeben. Die Gemeinden schickten die Verdingkinder gerne zu Bauern, denen sie nichts bezahlen mussten. Dafür mussten die Kinder unmenschlich hart schuften, wurden oft genug miserabel untergebracht, körperlich misshandelt und sexuell ausgebeutet. Die Kindheit war für diese Kinder die Hölle.
Heute geht es Kindern besser. Krippen und Horte ermöglichen es den Eltern, die Kleinen an einem guten Ort in Obhut zu geben, während sie den Lebensunterhalt verdienen. Nicht zuletzt dank dem hartnäckigen Kampf von Gewerkschaften und Linken müssen die Gemeinden heute ein minimales Betreuungsangebot zur Verfügung stellen.
Das ruft aber schon wieder die ersten Gegner auf den Plan. Zu teuer, zu luxuriös, zu viele Plätze. Schon versuchen die Bürgerlichen den Angebotsstandard zu senken und die Preise zu erhöhen. Kinder betreuen ja, aber lieber nicht so gut? Standortvorteil der Gemeinden dank Kinderbetreuung ja, aber lieber nur für reiche Eltern? Verschiedene Gemeinden verlangen prohibitiv hohe Gebühren - auch ein Weg, weniger wohlhabende Eltern abzuschrecken. Die Stadt Winterthur z.B. versucht gerade jetzt, die Hortgebühren für die Mittelschicht massiv zu erhöhen. Mit der Referendumsabstimmung vom 4. September versuchen die Winterthurer Gewerkschaften und Linken diese unsägliche Vorlage noch zu bodigen.
Bei all diesen Sparübungen kommt auch das Personal unter Druck. Der Preiskampf wird auch auf dem Buckel der Betreuerinnen und Betreuer ausgetragen. Zu wenig ausgebildetes Personal für zu grosse Kindergruppen in zu kleinen Räumen sind Folgen des Spardrucks. Noch immer ist die Kinderbetreuung unterfinanziert und noch immer wird sie nur als Kostenfaktor und nicht als sinnvolle Investition in die Zukunft gesehen.
Betreuungsplätze für Kleinkinder und SchülerInnen entsprechen einem grossen Bedürfnis der Familien und der ganzen Gesellschaft. Die familienexterne Kinderbetreuung ist nicht nur eine Entlastung für berufstätige Eltern sondern auch eine Bereicherung für die Kinder. Dank Krippe und Hort erleben diese schöne, spannende und abwechslungsreiche Stunden mit Gleichaltrigen ausserhalb ihrer Familie. Ein Gewinn für jedes Kind. Der Staat muss ein grosses Interesse daran haben, die Kinderbetreuung in allen Bereichen gut zu regeln und gescheite Vorgaben zu machen. Ein anständiger Gesamtarbeitsvertrag für das Personal ist dabei ein wichtiger Grundpfeiler. Nur wenn die BetreuerInnen gut ausgebildet sind und wenn sie anständige Arbeitsbedingungen haben, können sie sich auch vollumfänglich zum Wohl der Kinder engagieren.
Als Mutter oder Vater muss ich mich darauf verlassen können, dass mein Kind an einem liebevollen, guten, sicheren und gesunden Ort betreut wird, damit es ihm gut geht und damit ihm die Zeit in Krippe und Hort auch wirklich gefällt. Es kann aber nicht in der Verantwortung der einzelnen Eltern liegen, das Betreuungsangebot, die räumlichen Begebenheiten, die Ausbildung der BetreuerInnen und ihre Anstellungsbedingungen umfassend und regelmässig zu kontrollieren. Dieser Aufwand wäre weder für die Eltern noch für die Betreuungseinrichtung zu schaffen. Hier ist der Staat gefordert. Ein Gesamtarbeitsvertrag, der die Anstellung klar regelt, und klare Vorgaben und Kontrollen der Ausbildung, Räume, Sicherheit und Hygiene sind das Minimum, was Kinder und Eltern erwarten können.